Pressemitteilung: Schre­cken­bergs Be­haup­tun­gen zur Stick­oxid­be­las­tung in In­nen­städ­ten durch Bin­nen­schif­fe hal­ten der wis­sen­schaft­li­chen Über­prü­fung nicht Stand

Schre­cken­bergs Be­haup­tun­gen zur Stick­oxid­be­las­tung in In­nen­städ­ten durch Bin­nen­schif­fe hal­ten der wis­sen­schaft­li­chen Über­prü­fung nicht Stand

3. Mai 2018

Stu­die der BfG und ak­tu­el­le Mes­sun­gen des WDR wi­der­le­gen die The­se der ho­hen Schad­stoff­be­las­tung
durch Bin­nen­schif­fe

Stick­oxid­emis­sio­nen in der Fahr­rin­ne sind be­reits in Ufer­nä­he nicht mehr nach­weis­bar

Mas­ter­ar­beit der Uni­ver­si­tät Duis­burg-Es­sen lässt ver­bes­ser­te Emis­si­ons­wer­te von Bin­nen­schif­fen un­be­rück­sich­tigt

Mit der frag­wür­di­gen The­se, dass Die­sel­fahr­ver­bo­te in In­nen­städ­ten ihre Wir­kung ver­feh­len, da die Stick­oxid­be­las­tung maß­geb­lich durch vor­bei­fah­ren­de Bin­nen­schif­fe ver­ur­sacht wird, sorg­te Mi­cha­el Schre­cken­berg, Gut­ach­ter und Phy­sik­pro­fes­sor an der Uni­ver­si­tät Duis­burg-Es­sen, in den ver­gan­ge­nen Wo­chen in den Me­di­en für Auf­se­hen. Da­bei be­ruft er sich auf Da­ten aus ei­ner von ihm be­treu­ten Mas­ter­ar­beit ei­nes Phy­sik­stu­den­ten.

Der Bun­des­ver­band der Deut­schen Bin­nen­schiff­fahrt e.V. (BDB) hat­te schon kurz nach den ers­ten Äu­ße­run­gen von Prof. Schre­cken­berg Zwei­fel an der wis­sen­schaft­li­chen Fun­diert­heit der Be­haup­tun­gen an­ge­mel­det. Die Ar­beit des Stu­den­ten mit dem Ti­tel „Tech­ni­sche und öko­lo­gi­sche Aus­wir­kun­gen al­ter­na­ti­ver Kraft­stof­fe auf die Ent­wick­lung des zu­künf­ti­gen re­gio­na­len Ver­kehrs­sys­tems“ liegt nun voll­stän­dig vor. Es zeigt sich, dass die­se Zwei­fel be­rech­tigt sind: Von dem be­treu­en­den Pro­fes­sor wur­den sehr ei­gen­wil­li­ge und im Er­geb­nis nicht halt­ba­re Schlüs­se aus der Ar­beit sei­nes Stu­den­ten ge­zo­gen.

Eine von der Bun­des­an­stalt für Ge­wäs­ser­kun­de (BfG) in Auf­trag ge­ge­be­ne Un­ter­su­chung zur Luft­qua­li­tät an den Bun­des­was­ser­stra­ßen hat­te be­reits 2015 auf­ge­zeigt, dass die in der Fahr­rin­ne emit­tier­ten Schad­stof­fe von Bin­nen­schif­fen – und da­mit auch de­ren Stick­oxid­aus­stoß – be­reits am Fluss­ufer prak­tisch nicht mehr nach­weis­bar sind. Das Um­welt­bun­des­amt (UBA) hat die Stu­die der BfG erst vor we­ni­gen Ta­gen auf sei­ner In­ter­net­sei­te in ei­nem wis­sen­schaft­li­chen Be­richt mit dem Ti­tel „Stick­stoff­oxid­emis­sio­nen durch Bin­nen­schif­fe“ zi­tiert. „Die mitt­le­re NO2-Zu­satz­be­las­tung, die durch die NOx-Emis­si­on der Bin­nen­schiff­fahrt auf Mit­tel- und Nie­der­rhein ver­ur­sacht wird, nimmt dem­nach über­pro­por­tio­nal und sehr schnell mit Ent­fer­nung von der Fahr­rin­ne ab“, fol­gert das UBA dar­in. Be­stä­tigt wird da­mit auch, dass der Ver­such, den Schad­stoff­aus­stoß der Schiff­fahrt mit Mess­ge­rä­ten vom Ufer aus zu mes­sen, fehl­ge­hen muss und dar­aus ab­ge­lei­te­te Er­geb­nis­se rei­ne Spe­ku­la­ti­on sind. Schließ­lich wer­den dann auch Emis­sio­nen aus an­de­ren Quel­len wie dem Stra­ßen­ver­kehr, dem Schie­nen- und Flug­ver­kehr, der In­dus­trie oder der pri­va­ten Ver­brau­cher „mit­ge­mes­sen“.

Der West­deut­sche Rund­funk (WDR) hat im Rah­men sei­ner Ak­ti­on „Ab­gas­alarm“ erst­mals ei­nen Mo­nat lang flä­chen­de­cken­de Stick­oxid-Wer­te in der nord­rhein-west­fä­li­schen Lan­des­haupt­stadt Düs­sel­dorf ge­mes­sen und ist nun zu glei­cher­ma­ßen in­ter­es­san­ten wie auf­schluss­rei­chen Er­kennt­nis­sen ge­langt, die die Er­geb­nis­se der BfG-Un­ter­su­chung be­stä­ti­gen: „Kei­ne Auf­fäl­lig­kei­ten in der Nähe des Rheins“, lau­tet das Fa­zit des WDR. Emis­sio­nen längs des Rheins tra­gen laut At­mo­sphä­ren­for­scher Ro­bert We­ge­ner „al­len­falls zur ge­ne­rel­len Hin­ter­grund­be­las­tung in Düs­sel­dorf bei“. Die Mes­sun­gen zeig­ten, dass die Stick­oxid­wer­te im Rhein­ufer­tun­nel und an des­sen Tun­nel­öff­nun­gen mit in der Spit­ze 145,2 Mi­kro­gramm pro Ku­bik­me­ter mehr als vier­mal so hoch sind wie der in Düs­sel­dorf ge­mes­se­ne Durch­schnitts­wert (33,5 Mi­kro­gramm pro Ku­bik­me­ter). Dies ver­deut­licht, dass die Stick­oxid­be­las­tung an Punk­ten mit ho­hem Au­to­ver­kehr am höchs­ten ist.

Das Ent­wick­lungs­zen­trum für Schiffs­tech­nik und Trans­port­sys­te­me e.V. (DST) in Duis­burg, eine der füh­ren­den For­schungs­ein­rich­tun­gen für die eu­ro­päi­sche Bin­nen­schiff­fahrt, äu­ßert eben­falls er­heb­li­che Zwei­fel an dem Ge­halt der ge­tä­tig­ten Aus­sa­gen. Die Fach­leu­te des DST sind der Auf­fas­sung, dass die in der Mas­ter­ar­beit und in den dort zu­grun­de ge­leg­ten Mo­del­len an­ge­setz­te Mo­to­ren­leis­tung der Bin­nen­schif­fe deut­lich zu hoch ist. Da­durch wer­den die Emis­si­ons­sze­na­ri­en für die Bin­nen­schiff­fahrt künst­lich ver­grö­ßert und „auf­ge­bla­sen“. Dies be­le­gen bei­spiels­wei­se um­fang­rei­che Mes­sun­gen an Bord ver­schie­de­ner Bin­nen­schif­fe im kürz­lich ab­ge­schlos­se­nen eu­ro­päi­schen For­schungs­pro­jekt „PRO­MI­NENT“. An­ge­sichts der stren­gen Grenz­wer­te, die neue Mo­to­ren in der eu­ro­päi­schen Bin­nen­schiff­fahrt ab 2019 bzw. 2020 er­fül­len müs­sen, er­scheint auch der in der Mas­ter­ar­beit an­ge­setz­te Rück­gang der Emis­sio­nen im Zeit­raum 2015 bis 2030 um le­dig­lich 6,9 % zu ge­ring. Für PKW wird in dem Sze­na­rio, das Prof. Schre­cken­berg für sei­ne Aus­sa­gen be­müht, für den glei­chen Zeit­raum ein Rück­gang des NOx-Aus­sto­ßes um 86 % an­ge­nom­men.

Zu kri­ti­sie­ren ist schließ­lich, dass in der von Prof. Schre­cken­berg be­treu­ten Mas­ter­ar­beit Emis­si­ons­da­ten der Bin­nen­schiff­fahrt aus dem Jahr 2012 ver­wen­det wur­den, in­dem auf al­tes TRE­MOD-Da­ten­ma­te­ri­al des ifeu-In­sti­tu­tes zu­rück­ge­grif­fen wur­de. In der Zwi­schen­zeit er­folg­te Mo­der­ni­sie­run­gen in der Bin­nen­schiff­fahrt wur­den dem­nach nicht be­rück­sich­tigt.

Be­mer­kens­wert ist, dass der Ver­fas­ser der Mas­ter­ar­beit in der Zwi­schen­zeit selbst ver­kün­det hat, dass sei­ne Un­ter­su­chung „kei­nen An­griff auf die Bin­nen­schiff­fahrt“ dar­stel­len soll. Es müs­se schließ­lich be­rück­sich­tigt wer­den, dass Stick­oxid­emis­sio­nen der Schif­fe auf­grund der Flüch­tig­keit und Ver­wir­be­lung gar nicht in dem Maße bei der Be­völ­ke­rung an­kom­men. Die Stu­die nimmt des­halb in ers­ter Li­nie die Aus­wir­kun­gen tech­no­lo­gi­scher Ver­än­de­run­gen im Stra­ßen­ver­kehr auf die Emis­sio­nen in den Fo­kus, be­trach­tet in­ter­es­san­ter­wei­se je­doch – ent­ge­gen des in der Öf­fent­lich­keit ent­stan­de­nen Ein­drucks – gar nicht die Schad­stoff-Im­mis­sio­nen und da­mit die ei­gent­li­che Be­las­tung für die An­woh­ner.

Der BDB er­war­tet, dass Prof. Schre­cken­berg dem Bei­spiel sei­nes Stu­den­ten folgt und sei­ne Aus­sa­gen – eben­so öf­fent­lich­keits­wirk­sam wie sei­ne bis­he­ri­gen Ein­las­sun­gen – in das rech­te Licht rückt.

  

Über den BDB e.V.:

Der 1974 ge­grün­de­te Bun­des­ver­band der Deut­schen Bin­nen­schiff­fahrt e.V. (BDB) ver­tritt die ge­mein­sa­men ge­werb­li­chen In­ter­es­sen der Un­ter­neh­mer in der Gü­ter- so­wie der Fahr­gast­schiff­fahrt ge­gen­über Po­li­tik, Ver­wal­tung und sons­ti­gen In­sti­tu­tio­nen. Mit­glie­der des BDB sind des­halb Par­ti­ku­lie­re, Ree­de­rei­en und Ge­nos­sen­schaf­ten. Auch För­der­mit­glie­der un­ter­stüt­zen die Ar­beit des BDB. Der Ver­band mit Sitz in Duis­burg und Re­prä­sen­tanz in Ber­lin be­zieht Stel­lung zu ver­kehrs­po­li­ti­schen Fra­gen und bringt sich ak­tiv in die Ge­stal­tung der wirt­schaft­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen ein. Seit der Fu­si­on mit dem Ar­beit­ge­ber­ver­band (AdB) im Jahr 2013 ver­tritt der BDB auch die Be­lan­ge der Ver­bands­mit­glie­der in ar­beits-, ta­rif- und so­zi­al­recht­li­chen so­wie per­so­nal-, so­zi­al- und bil­dungs­po­li­ti­schen An­ge­le­gen­hei­ten und ist Ta­rif­ver­trags­part­ner der Ge­werk­schaft Ver­di. Der BDB be­treibt das in Duis­burg vor An­ker lie­gen­de Schul­schiff „Rhein“ – eine eu­ro­pa­weit ein­zig­ar­ti­ge Aus-, Fort- und Wei­ter­bil­dungs­ein­rich­tung für das Bin­nen­schiff­fahrts­ge­wer­be.

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